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Barrierefreiheit

Alt-Texte, die Maschinen lesen, und Menschen auch

Das am häufigsten übersehene Textfeld des Internets entscheidet darüber, wer Ihre Bilder wahrnimmt, blinde Kundinnen ebenso wie Suchmaschinen und KI-Modelle.

Von Tinte & Pixel · 18. Juni 2026 · Lesedauer 4 Min

Eine Kundin in München lässt sich die Website eines Schreinerbetriebs vorlesen, weil ihre Augen nicht mehr mitspielen. Bei jedem Foto sagt die Software nur „Grafik”. Die Werkstatt, die Referenzen, das Team, alles bleibt stumm. Der Grund ist ein leeres Feld im Code, das kaum ein Betreiber kennt: der Alt-Text.

Damit ist die Seite in großer Gesellschaft. Die Studie WebAIM Million untersucht jedes Jahr die Startseiten der eine Million meistbesuchten Websites. 2025 fehlte bei 18,5 Prozent aller Bilder der Alternativtext, fast ein Drittel war gar nicht oder fragwürdig beschriftet.

Drei Leser für denselben Text

Ein Alt-Text wird heute von drei Seiten gelesen. Von Menschen: In Deutschland leben nach Schätzung des Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverbands rund 1,2 Millionen blinde und sehbehinderte Menschen, für die Vorlesesoftware der Zugang zum Netz ist. Von Suchmaschinen: Google nennt den Alt-Text das wichtigste Metadatum, um ein Bild zu verstehen. Und von KI-Modellen, die Webinhalte für generative Antworten auswerten. Ein Bild ohne Beschreibung ist für alle drei unsichtbar.

Wie ein guter Alt-Text klingt

Ein guter Alt-Text beschreibt in einem Satz, was das Bild im Zusammenhang der Seite zeigt. Nicht „Bild von Tisch”, sondern „Esstisch aus massiver Eiche in der Münchner Werkstatt”. Floskeln wie „Foto zeigt” sind überflüssig, die Vorlesesoftware kündigt Grafiken ohnehin an. Wer das Feld dagegen mit Suchbegriffen vollstopft, erreicht das Gegenteil: Google wertet solches Keyword-Stuffing laut eigener Dokumentation als Spam-Signal.

Die Pflicht gibt es längst

Seit Juni 2025 verlangt das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz Textalternativen für Bilder, wen die Pflicht trifft, hängt von Größe und Angebot des Betriebs ab. Der stärkere Hebel ist aber das Eigeninteresse. Derselbe Satz, der eine blinde Kundin erreicht, macht das Bild für die Bildersuche auffindbar und für KI-Antworten zitierfähig. Es gibt wenige Stellen einer Website, an denen eine Stunde Arbeit dreifach wirkt.

Ein Vormittag, der bleibt

Zählen Sie die Bilder Ihrer eigenen Website. Bei den meisten kleinen Unternehmen sind es kaum mehr als zwanzig. Sie alle sauber zu beschriften ist an einem Vormittag erledigt und wirkt länger als jede Anzeigenkampagne, in der Bildersuche, in KI-Antworten und bei jedem Menschen, der Ihre Seite hört statt sieht.

Ein Bild sagt mehr als tausend Worte, aber nur denen, die es sehen können. Für alle anderen zählt der eine Satz, den Sie dazuschreiben.
— Tinte & Pixel

Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt keine rechtliche Beratung im Einzelfall.

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